Besuch in der Hauptstadt

BerlinIch hatte diese Woche die Gelegenheit, unserer Hauptstadt einen kurzen Besuch abzustatten. Der Anlass war eigentlich ein geschäftlicher – ich durfte mich  drei Tage lang bei der Webinale schlau reden lassen. Demnach blieb auch nicht besonders viel Zeit für die Stadt übrig, weil das in etwa so verlief: hin fliegen, zuhören, schlafen, zuhören, schlafen, zuhören, zurück fliegen. Zwischen Zuhören und Schlafen blieben jeweils ein paar Stunden für andere Dinge. Allerdings war dafür die Motivation auch nicht besonders groß, da man ja den ganzen Tag schon schläfrig geredet wurde. Nicht dass es langweilig gewesen wäre, aber wenn man neun Stunden mit Herumsitzen und Zuhören verbringt und die einzige Abwechslung darin besteht, das Buffet zu plündern, kann man am Abend nicht mehr mit besonders viel Entdeckergeist aufwarten.

Jedenfalls war ich zuletzt an meinem 7. Geburtstag in Berlin, vor ziemlich genau 24 Jahren. Demnach hätte ich erwartet, dass mir jetzt alles viel kleiner vorkommt. Aber irgendwie war alles unerwartet groß. Die Fahrt mit der Bahn vom Flughafen Schönefeld zur Friedrichstraße dauerte knapp eine halbe Stunde – alles innerhalb einer Stadt, was bei uns schon mal gut vier Städte wären. Besonders witzig finde ich die Jingles vor den Ansagen im Zug.

BerlinDen Weg vom Veranstaltungsort zum Hotel, knapp 2 Kilometer die Friedrichstraße hinauf, beschritt ich in blinder Sensationslust zu Fuß. Da waren so viele Leute unterwegs! Und auf der anderen Straßenseite nochmal so viele. Und so viele kaputte oder kaputt aussehende Menschen sind da. Die Berliner Jugend färbt sich die Haare in alle Himmelsrichtungen und läuft mit kaputten Sachen rum, als hätte es die irgendwo im Angebot gegeben. Dabei sehen sie doppelt so gefährlich aus wie bei uns, sind aber gefühlt nur halb so gefährlich, wie die, die bei uns gefährlich sind, aber nur halb so gefährlich aussehen. Klar, oder? Jedenfalls hatte ich trotz Großstadt, düsterer Gesellen und dunkler U-Bahn-Tunnel nicht das Bedürfnis, weglaufen zu müssen. In Berlin liegt die Messlatte offenbar höher. In Kreuzberg war ich allerdings nicht. Muss ich auch nicht gewesen sein.

Am zweiten Tag habe ich mich dann auch getraut, mit der U-Bahn zu fahren. Getraut nicht wegen besagten dunklen Gestalten, sondern wegen der Gefahr, mich im U-Bahn-Netz zu verfangen und nicht mehr hinaus zu finden. Wer weiß, wo man da landen könnte! Pläne für die öffentlichen Verkehrsmittel findet man ja an verschiedensten Stellen: im Internet, als App für’s Telefon, an den Bahnhöfen. Aber überall sieht der Plan anders aus, hat andere Strecken, Haltestellen und Linien. Das muss daran liegen, dass in so einer großen Stadt immer irgendwo gebaut wird und deshalb die U-Bahnen vorübergehend anders fahren müssen. Da können die natürlich nicht extra jedes Mal neue Streckennetze ausdrucken und überall hin hängen. Also fahren die Bahnen einfach irgendwie und man steigt irgendwo ein und kommt irgendwo raus.

BerlinDie Fahrkartenautomaten kennen auch gar nicht die Friedrichstraße – alles mögliche gibt es in Berliner Automaten vom Friedrich, aber nicht die Straße dazu. Wahrscheinlich, weil man dann sowieso nicht wüsste, zu welcher Haltestelle man will. Mit U-Bahnen ist es nämlich nicht getan. Tatsächlich gibt es in Berlin mindestens 5 Arten von öffentlichen Verkehrsmitteln: normale DB-Züge, S-Bahnen, U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse. Während die U-Bahnen sinnvollerweise ein U in der Linie haben, steht das S sowohl für die S-Bahnen als auch für die Straßenbahnen. Meistens. Manchmal heißen die dann auch M. Oder immer, das weiß man nicht so genau. Ganz toll wird es dann, wenn S-Bahnen in U-Bahnhöfen halten und U-Bahnen ans Tageslicht kommen. Jedenfalls wüsste bei diesem Chaos auch keiner mehr was er für seine Fahrt bezahlen muss. Deshalb kauft man sich einfach Fahrkarten für Berlin AB oder wenn man mal weiter raus muss für ABC. Kurz und knackig.

Für eine größere Stadtbesichtigung hat es also nicht mehr gereicht, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, U- und S-Bahn-Linien zu entwirren. Also habe ich mich damit begnügt, kurz unter dem Wahrzeichen der Stadt durchzulaufen und mal über den Alexanderplatz zu stiefeln. Maßlose Enttäuschung! Also der Fernsehturm ist okay; irgendwie ist der auch als einziges noch genauso erhalten, wie in meiner Erinnerung. Nur war da damals noch kein Starbucks drunter. Schätze ich mal.

BerlinAber der Alexanderplatz ist schon ein wenig armselig. Ich meine… hallo? Der Alexanderplatz! Wo sich ganz Berlin trifft! Das ist doch jetzt nicht wahr, dass das nur so eine Betonwüste mit hässlichen Gebäuden außen herum ist. Zwei Eingänge in die U-Bahn und ein Brunnen – und das einzige interessante, die olle Weltzeituhr, steht desinteressiert in der letzten Ecke und lässt begeisterte Touristen fast rückwärts in die Straßenbahn stolpern. Also ich weiß nicht, da müsste man nochmal ein bisschen was abreißen und neu bauen.

Na jedenfalls bin ich dann noch die Karl-Marx-Allee entlang gestiefelt, um zum Veranstaltungsort der Webinale-Party zu gelangen, dem Café Moskau. Da hat doch der Kommunismus mal richtig zugeschlagen! Schon komisch, in anderen ostdeutschen Gegenden wurden Straßen und sogar ganze Städte umbenannt, um dieses Image loszuwerden, aber in Berlin greift man weiter in die Vollen. Nicht, dass mich das interessieren würde, aber ein wenig konsequenter könnte man da schon sein.

Jedenfalls hab ich jetzt den ganzen unwichtigen Kram schon gesehen und kann mich beim nächsten Mal auf die schönen Dinge konzentrieren. Vielleicht ist bis dahin ja auch das Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut (und noch nicht wieder zurückgebaut).

8 Gedanken zu „Besuch in der Hauptstadt

  1. Also ich weis gar nicht was du hattest. Als ich letztes Jahr 10 Tage dort war, hatte ich keine Probleme mich mit dem U-Bahn zurecht zu finden. Fand es sogar ziemlich einfach, da es meiner Meinung nach immer sehr gut beschrieben war 😀

  2. Dann warst du in einem anderen Berlin als ich. 😀

    Naja nach 2 Tagen ging es dann auch einigermaßen. Man muss halt länger dort sein. Aber gut beschrieben fand ich das nicht. Sind ja nur diese dämlichen Netzpläne überall, und da hängt immer ein anderer rum. Und stimmen tun sie letztendlich auch nur in Teilen. Naja. ^^

  3. Ich habe mal gehört, dass Berlin eines der besten U-Bahn Netze hat, ob das stimmt weis ich nicht. Wenn ich es aber mal mit London vergleiche, dann war es in Berlin kinderleicht. Vielleicht liegt es daran, dass im Zentrum die U-Bahn kreisförmig angeordnet ist? Aber du hast recht, bei uns lief es auch erst ab dem zweiten Tag problemlos, verfahren haben wir uns aber nie.

  4. Naja abgeklärt und Ticket gekauft und so haben sie schon. Aber in welche U-Bahn wir rein müssen und bis zu welcher Haltestelle wir damit fahren mussten, das war mein Fachgebiet. War letztendlich kinderleicht, weil wir das Thema U-Bahn im Englisch-Unterricht hatten. Keine Ahnung wie die Pläne heute sind.

  5. Bis zum sechsten Vakehrsmittel konnteste natürlich nich rausfahren: zur kürzesten und manuell angetriebenen Linie der BVG “Paule III”. Kiek ma hier. Und ob sich der Weihnachtsmann über den Sommer imma noch da abrackert, wer weiß…

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